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Writing

Sprechen fürs Lesen

Vor schon längerer Zeit hatte ich mich mit dem Thema »Schreiben fürs Sprechen« beschäftigt. Nach reichlichem Quellenstudium, zahllosen Beiträgen im Netz und mit so einigen Büchern. Während man in dem Fall, dass man seine Texte für einen Beitrag selbst schreibt, die Sache noch weitgehend in der Hand hat, sieht die Sache ganz anders aus, wenn man fremde Texte einsprechen soll. Die sind nämlich in fast allen Fällen eben nicht fürs Sprechen gedacht. Es ist dann nicht die Ausnahme, dass solche Texte kaum ordentlich zu sprechen sind. Weil sie eben als Pressemeldungen oder sonstige Zwecke verfasst wurden. Wie nun an diese Herausforderungen heran gehen? Damit bin ich nun seit einiger Zeit konfrontiert, allmählich schält sich jedoch auch für diese Fälle eine Art Workflow heraus.

Im Zweifelsfall hart redigieren

Wenn man einen fremden Text einsprechen soll, ist der zuverlässige Test, ob man ihn beim ersten Lesen problemlos sprechen kann. In der Regel nicht, weil die Schriftformen und -formate eben ganz anders sind als bei Skripten zum Sprechen. Worum man erst einmal nicht herum kommt, sind Formatfragen und Stilfragen. Dazu zählen:

  • Überschriften sind fürs Sprechen überflüssig oder sogar verwirrend für die Hörerin und den Hörer. Also Überschriften in den Text integrieren oder gleich streichen.
  • Zitate und direkte Rede kommt in Audiobeiträgen nur als O-Ton im Radio vor. Deshalb direkte Rede in indirekte Rede umformulieren.
  • Bandwurmsätze aufspalten. Alles, was länger als zwei Zeilen ist, ist eine willkommene Stolperfalle beim Sprechen und Hören.
  • Fachbegriffe und Fremdworte übersetzen, die Sprache auf einen Alltags-Standard bringen.
  • Schwer sprechbare Begriffe ersetzen, zum Beispiel Fremdwörter oder lange Komposita. Wörter, die schwer zu sprechen sind, sind auch schwer zu hören.
  • Wenn es nicht um eine konkrete Veranstaltung geht, oder um ein bestimmtes Geschehen, werden Zeitbegriffe verallgemeinert und weggelassen. Die Beiträge werden also »zeitlos«.

Ich gehe inzwischen so weit, dass ich den originalen Text erst kopiere und in meine eigene Skript-Vorlage kopiere. Also Serifen-Schriftart, 14 Punkte Größe, mindestens 1,5 Zeilen Zeilenabstand, breite Ränder. Dieses Format sorgt dafür, dass die Augen im laufenden Text in der Spur bleiben und nicht am Zeilenende zu weit springen müssen. Erst dann beginne ich zu redigieren.

An dieser Stelle setzt nun der gleiche Prozess ein wie beim Schreiben fürs Sprechen. Ich spreche innerlich den Text mit, noch besser ist ein leises vor sich hin Murmeln. Stoße ich an Stellen, wo die Wortfolge schwierig ist oder ich beim Sprechen stolpere, greife ich herzhaft zu. Denn das, was schwierig zu sprechen ist, ist auch schwierig zu hören. Es wird beim Mitsprechen ebenso deutlich, wenn die Logik des Textes nicht stimmt oder Sprünge passieren. Dieses Verfahren ist kein Herumpfuschen an anderer Leute Text, sondern Service für die Hörenden. Der beste Podcast ist überflüssig, wenn die Hörenden nichts verstehen oder nicht folgen können.

Es gibt Texte, die man tatsächlich ohne Überarbeitung einsprechen kann, wie man sie bekommt. Nach meiner Erfahrung ist das höchstens bei 10% der Texte so, und dann kommen sie von professionell schreibenden Leuten.

Ans muntere Werk

An diesem Punkt ist man dann am konkreten Sprechen. Auch wenn der Text ursprünglich zum Lesen gedacht ist, muss er nun wieder den Weg in Sprache finden. Wie es eben nicht klingen soll, hier an einem Beispiel. Beide folgende Aufnahmen sind bewusst etwas überzogen, um die Richtung klarer zu machen:

Schreib-Lesen
Version 1
Schreib-LesenVersion 1
Schreib-LesenVersion 1

Die Aufgabe beim Einsprechen ist gerade die, wieder zu einer Sprache zurück zu finden, die nahe am Alltag stattfindet. Hört man bei der alltäglichen Sprache genauer hin, findet man schnell die Unterschiede zum Lesen bzw. Vorlesen.

  • Wir sprechen selten in gleichbleibender Geschwindigkeit. Wie machen Pausen zum Nachdenken über die nächsten Worte, wir formulieren um oder suchen andere Formulierungen.
  • Wir betonen Wörter, die im Sinnzusammenhang wichtig sind, oder denen wir eine besondere Betonung geben wollen.
  • Am Ende einer Aussage senken wir die Stimme, am Ende einer Frage heben wir sie.
  • Unsere Alltagssprache hat mehr mit Singen gemeinsam als mit Lesen. Gleichzeitig ist es anregender und kurzweiliger, wenn die Stimme stärker moduliert. Wir sprechen Texte ein, die Hörende interessieren sollen, wir sind keine Nachrichtensprecher.

In diesem Sinne der gleiche Text in anderer Betonung und in anderem Tempo:

Schreib-Lesen
Version 2
Schreib-LesenVersion 2
Schreib-LesenVersion 2

Buch gefällig?

Hätte ich ein paar Vorschläge, wenn man tiefer in das Thema einsteigen möchte.

  • Stefan Wachtel: Schreiben fürs Hören … Sehr praxisnahe und verständliche Einführung.
  • Stefan Wachtel: Sprechen und Moderieren … Mit CD, viele Beispiele über Formate und Tipps.
  • Heidi Puffer: ABC des Sprechens … Geht schon ziemlich tief in Details.
  • Michael Rossié: Sprechertraining … Ebenfalls mit CD, fast noch ein Stück besser als Wachtel.

Aktueller Stand in den Medien

Die Rolle der Sprecherinnen und Sprecher hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Was auch mit der Ausbreitung von Podcasts zu tun hat, ebenso mit den Moderationsweisen in den Medien. Während früher großer Wert auf Sprechen auf Schauspiellevel gelegt wurde, wird heute in den akustischen Medien Alltagsnähe erwartet. Auch in dieser Hinsicht sollte man sich vorgegebene Texte genau ansehen und gestelzten oder sperrigen Text ausmerzen. Das Schlüsselwort des 21. Jahrhundert ist Infotainment, die Leute möchten nicht mehr nur Informationen, sondern dabei noch unterhalten werden. Sonst springen sie ab.

Eine andere Sache ist die Stimmlage. Gerade bei Frauen werden heute tiefere Stimmlagen bevorzugt. Ältere SprecherInnen werden sogar von ihren Chefs aufgefordert, in Sprechausbildungen tiefere Stimmen zu üben. Wer etwas bei den Profis zuhören möchte, dem sei dieser Podcast empfohlen:

Deutschlandfunk
Die Inflation der angenehmen Stimmen
DeutschlandfunkDie Inflation der angenehmen Stimmen
DeutschlandfunkDie Inflation der angenehmen Stimmen

In eigener Sache

Als ich 2012 zum ersten Mal in einem Rundfunkstudio vor dem Mikro stand, durchgeschwitzt wie nach einem Halbmarathon, war ich froh, die wenigen Minuten der Anmoderation überhaupt überlebt zu haben. Was einen guten Sprecher ausmacht, ist ein gesunder Anteil einer Bühnensau. Wie es meistens Sänger oder Gitarristen sind, während Bassisten und Schlagzeuger lieber im Hintergrund bleiben. Ich war Bassist. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich getraut habe, ein Stück nach vorne zu gehen, ein bisschen mit der Stimme zu spielen, ein bisschen zu singen statt nur zu sprechen. Doch ist es genau das, was einen Sprecher ausmacht. Wer hat schon Lust, einem vor sich hin leiernden Moderator zu folgen, so interessant der Inhalt vielleicht auch sein mag.

Einer meiner Lieblingswitze ist der, wo Lucy ihren Freund Schröder fragt, wie er denn auf einem Kinderklavier, auf dem die schwarzen Tasten nur aufgemalt sind, Beethoven spielen will. Schröders Antwort: “Üben, üben, üben”.  Und Schröder hat recht. Wenn man sich gleich eine fette Hürde vornehmen will, kann man das gut mit Texten aus Wikipedia tun. Die Texte sind beinahe ausschließlich von redaktionellen Amateuren geschrieben, meistens trocken und knapp, zum Lesen gedacht, nicht zum Sprechen und schon gar nicht zum Hören. Sie bieten jedoch eine gute Übungsarena. Es hat andererseits auch viel mit der eigenen Einstellung zu tun, mit dem Selbstverständnis, Sprechen vor der oder für die Öffentlichkeit erfordert eine Prise Mut. Doch ist es eine schöne Gelegenheit für Kreativität und ein Stück Selbstverwirklichung. In diesem Sinne immer Schröders Worte im Gedächtnis behalten.

25.02.2024
Tags: Vocals, Writing
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